Wertvolle Prozentsätze

80 Prozent aller Obdachlosen sind Junkies.

Mensch zieht skeptisch die Augenbrauen hoch.

Eine Unterhaltung am Stammtisch, die ganz harmlos begonnen hatte.

80 Prozent?

Wie kommst du auf die Zahl?

Leichtes Spiel, – denkt sich Mensch – Statistik gehört in der Argumentation zu den wenigen Dingen, die sich leicht aushebeln lassen.

Gesetz der Annahme die Statistik sei an den Haaren dahergezogen und nicht hieb- und stichfest.

Wie kommst du auf die Zahl?

Da muss ich mir die Leute doch nur anschauen.

Die Augenbrauen senken sich, Mensch lacht laut auf.

Veni, vidi, vici.

Nein nicht ganz.

Veni, audivi, vici.

Ich kam, ich HÖRTE und ich siegte.

Rabulistische Methode wahrgenommen und vernichtet.

 

Aber das soll am Stammtisch wohl nicht genügen.

Es sind mindestens 80 Prozent.

Und JEDER von denen kauft sich vom erbettelten Geld Drogen und Alkohol.

Die wollen nur nicht arbeiten.

ALLE? JEDER?

Wer bist du denn, dass du solche Behauptungen aufstellen kannst?

Mensch verliert die Geduld.

Ein Pauschalposten folgt dem nächsten.

ICH arbeite, 40 Stunden und mehr. Ich bin mehr WERT als die. Und ich SEHE ja, wie die sind.

Du siehst das?

Mensch sieht vor seinem geistigen Augen die vielen verlorenen Blicke von Menschen in der Bronx. Ein Jahr zuvor. New York. Zig Menschen, die vermutlich nicht NICHT WOLLTEN. Sondern nicht mehr konnten. Weil sie krank geworden waren. Weil sie keinen Platz in der Gesellschaft mehr gefunden hatten. Weil sie unter die Wahrnehmungssschwelle der anderen gerutscht waren.

Mehr WERT?

Wodurch? Warum?

 

Mensch landet wieder am Stammtisch.

Auch Mensch machen die vielen jungen Leute auf der Straße wahnsinnig.

Die, die offensichtlich mehr aus ihrem Leben machen könnten.

Es aber nicht tun.

Oder nicht tun können.

Aber wer sind WIR WERTVOLLEN MENSCHEN, dass wir uns jedes Urteil unangefochten leisten dürfen?

Wer sind wir?

Und auch wenn wir in der Gesellschaft durch unsere Leistung für alle vielleicht mehr WERT sein sollten, sind wir es als Lebewesen noch lange nicht.

Und ethisch-moralisch schon gar nicht.

Wie ein undefiniertbarer Prozentsatz am Stammtisch beweist.

KW 42/12

izniak 10/2012

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