chill…chiller…

…am chillsten?

Geht´s noch?

Fragt sich Mensch Sonntag Nachmittag an der U-Bahnhaltestelle.

Klar, Mensch weiß, dass das Deutsche sich verändert. Und sogar, dass es das schon immer getan hat. Zu Omas Zeiten waren´s halt eher die französischen Lehnwörter.

Der Parapluie, der Trottoir, das Portemonnaie.

Menschs Oma sprach in den Kinderohren häufig seltsam. Anders. Gratwanderung zwischen Dialekt aus einem engen Graben und französischsprachiger Leichtigkeit.

Im Gymnasium herrschte einige Jahrzehnte vor Menschs Klassengeneration ein sehr hochgestochener Ton. Sprache tangierte anscheinend sehr. Laut einer Professorin lautete die Standardantwort auf ungeliebte Fragen oder Anweisungen plötzlich: „Das tangiert mich äußerst peripher.“ „Wurscht“ war plötzlich nicht mehr „in“… pardon … äh … ENTSCHULDIGUNG … nicht mehr in Mode.

Die neuen Wörter in Menschs unmittelbarer Umwelt haben scheinbar signifikant oft englische Wurzeln.

Menschen chillen, relaxen, lesen Hand-outs und E-Books und ziehen sich abends eine Soap mit intellektuell leichtem Abgang zum Nachtisch rein.

Eigentlich kein Problem. Welcome, bienvenue, willkommen! An alle englischen und sonstigen Wörter hier im deutschsprachigen Raum.

Aber bei der Verwendung der neuen, entlehnten Wörter stutzt dann plötzlich doch das Hirn hinter dem Ohr:

„Bahnfahrer ham den chillsten Beruf überhaupt.“

Die Fragezeichen kollidieren im Kopf. Gibt es von „chillen“ denn überhaupt ein Adjektiv. Und wenn überhaupt, ist „chillsten“ denn wahrlich der korrekte Superlativ?

Superlative im mentalen Grammatiksystem. Warnung vor dem grammatikalischen Super-GAU?

Später, in Menschs eigenen vier Wänden wird „chillen“ mal schnell gegoogelt… nein, es wird nach dem Wort im Internet recherchiert… ähm… nein … das Wort wird GESUCHT! Mensch klickt sich durchs digitale Wissen … nein .. neuer Versuch … Mensch drückt auf den virtuellen Suchknopf.

Und siehe da, im Duden gehört „chillen“ schon zum Inventar. Aber von einem Adjektiv fehlt derzeit jede Spur.

Mensch entwirrt ein Stück weit beruhigt die ineinander verkeilten Fragezeichen im Kopf. Zeit zum … Chillen?

Nein … zum Entspannen. Zeit sich zu zerstreuen.  Nur weißes Rauschen im Kopf. Einen Moment lang.

Dann der Anflug von Gewissheit: irgendwo und irgendwie werden auch ältere Wortsemester wie „entspannen“, „gemütlich“, „suchen“, „Handzettel“, „Seifenoper“ und viele andere überleben. Sie werden unter Umständen sogar wieder IN MODE kommen.

Und die immer kleiner werdende Welt aus vielen verschiedenen Menschen braucht neue Wörter. Die dürfen dann auch ruhig international und multilingual sein. Aber bitte mit grammatikalischen Rückgrat.

Sonst wird´s „unchillig“. Und das liest sich doch wirklich erbarmungslos grausam, oder?

Solange in Menschs Kopf neben dem englischen, dem französischen oder einem anderen ausgeliehenen Wort noch mindestens ein weiteres Synonym steht, tangiert Mensch das eine oder andere Lehnwort mit Rückgrat äußerst peripher. Außer es ist ein wahrlich schönes…

KW 35/12

izniak 09/2012

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